Marx neu entdecken – das Kapital.

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Marx neu entdecken – das Kapital.

Posted in : Finanzen on by : lese-kap Comments:

Der globale Kapitalismus bringt zunehmend tiefgreifende soziale Spaltungen mit sich. Und das nicht nur in den armen Ländern. Auch in den entwickelten Industrieländern driften die Einkommensunterschiede stark auseinander. Die schon oft für überwunden erldärte Krisenanfälligkeit des Kapitalismus gibt gerade ihr fulminantes Comeback. Die Glücksversprechen der Globalisierungsgewinner, dass das freie Spiel der Märkte letztendlich Wohlstand für alle bringen würde, haben ihren Glanz verloren.

Unter dem Eindruck dieser Verhältnisse macht wieder ein Name die Runde, den die offizielle Lehre an den Hochschulen zu einer Fußnote der Geschichte erldären will: Karl Marx.

„Totgesagte leben länger.“ Dies trifft nicht nur auf den Kapitalismus und seine enorme Wandlungsfähigkeit zu, sondern auch auf dessen scharfsinnigsten Kritiker. Mit der Rückkehr fundamentaler gesellschaftlicher Konflikte bis ins Herz der reichsten Länder bestätigt sich eine Erfahrung, die bereits zahlreiche Bewegungen des 20. Jahrhunderts gemacht haben: die Theorien von Karl Marx bieten nach wie vor wichtige Grundlagen, um den heutigen Kapitalismus zu verstehen.

Ein Klassiker für heute

Man kann „Das Kapital“ ohne Umschweife als den Klassiker der Kapitalismuskritik bezeichnen. Natürlich wird das marxsche Hauptwerk damit nicht zur Bibel. Seine Thesen bedürfen einer ständigen Überprüfung und kritischen Anwendung auf die heutige Welt. Es wäre auch falsch zu denken, dass man mit der „Kapital „-Lektüre gleich die ganze Gesellschaft und die Herrschaftsverhältnisse, die sie durchziehen, versteht. Allerdings ist sie ein guter Anfang. Es wird zwar oft behauptet, dass Marx durch die Globalisierung überholt sei. Jedoch nähren einige Vorkommnisse der letzten Jahre allein schon in der Bundesrepublik Zweifel an diesem Glauben. Denn im Kern des Ringens um die sogenannte Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen steht weiterhin der Konflikt zwischen Management und Beschäftigten. Bei der Telekom z.B. wurden bereits zweimal Tausende Angestellte in eine Tochterfirma verschoben, wo sie länger arbeiten sollen für weniger Lohn. Nichts anderes beschreibt Marx, wenn er über Methoden zur Steigerung der Ausbeutung spricht. Die Lokführer haben gestreikt, weil ihr Arbeitspensum in der selben Zeit immer größer wurde und sie durch Entlassungen von Wartungspersonal die Zugmaschinen selber mit pflegen mussten. Das kann man mit Marx als Intensivierung der Arbeit bezeichnen.

Die Angestellten der Deutschen Bank haben ihre Produktivität so gesteigert, dass sie einen Rekordprofit erwirtschafteten und 6000 von ihnen als „überflüssig“ entlassen wurden. So wird plastisch, was Marx meint, wenn er von einem Mechanismus spricht, wo diejenigen die für Lohn arbeiten damit gleichzeitig kontinuierlich die Seite stärken, die sich die Arbeitsleistung aneignet, verkauft und dabei immer mächtiger wird. Womöglich werden also auch Globalisierungskritiker bei Marx einige Anregungen finden. Dies im kommenden Jahr zu überprüfen könnte sehr spannend werden.

Eine neue Generation

Zum G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm gingen zehntausende Studierende und junge Menschen auf die Straße, um ihre Unzufriedenheit mit dem bestehenden System auszudrücken. In ihrem Kampf gegen Studiengebühren besetzten tausende hessische Studierende Autobahnen und Bahnhöfe.

Es gibt das Potential für eine neue Generation von Aktivistin- nen und Aktivisten, mit denen wir gemeinsam das theoretische Werkzeug entwickeln wollen, um die heutige Gesellschaft zu verstehen. Denn die fundierte Analyse und Kritik des Kapitalismus ist eine zentrale Voraussetzung, um ihn emanzipatorisch zu überwinden. Oder wie Karl Marx es in einem berühmten Zitat formulierte „Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen.“

Verdrängung kritischer Wissenschaft

Unsere Generation trifft auf einen akademischen Mainstream, der versucht, jegliche Kritische Wissenschaft über Bord zu werfen. Bis auf wenige Ausnahmen werden die letzten marxistischen Lehrstühle gestrichen oder mit neo-liberalen Dozenten besetzt.

Doch während ihrer Verdrängung aus den offiziellen Lehrplänen, steigt der Bedarf nach Kritischer Wissenschaft unter den Studierenden. Jedes Einführungsseminar zu Marx ist brechend voll, die Verkaufszahlen für das Kapital haben sich im Mai 2008 verdreifacht im Vergleich zum Vorjahr – übrigens keinesfalls nur wegen Studierender – und in zahlreichen Städten sprießen Kapitallesekreise von den verschiedensten Gruppen aus dem Boden.

Für eine neue „Kapital“ -Lesebewegung

Mit der Idee einer „Kapital-Lesebewegung“ schließen wir an eine Tradition an, die ihren Ursprung Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre nahm. Jetzt da diese Tradition beginnt, vorsichtig wieder aufzukeimen, wollen wir einen organisierten Beitrag dazu leisten.

Dieses Projekt wird von Die Linke.sDS angestoßen und getragen, es soll aber nicht auf uns beschränkt sein. Wir wollen mit allen Interessierten, Aktivistinnen und Aktivisten, Dozentinnen und Dozenten, sowie anderen Lesegruppen in die Lektüre einsteigen und wünschen uns einen Diskussionsraum, der Platz lässt für verschiedene Interpretationen und „Marxismen“.

„Allein machen sie Dich ein .. .“ Mit der Lektüre des „Kapital“ seid Ihr nicht auf Euch allein gestellt: Eine bundesweite Vernetzung bietet Euch zwei wesentliche Vorteile:

Der erste ist rein technisch: Die neoliberale Umstrukturierung der Hochschulen hat die Bedingungen für ein kritisches und selbstbestimmtes Studium stark verschlechtert. Sie hat nicht nur den Anteil kritischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den akademischen Strukturen dezimiert. Sie hat auch dazu geführt, dass an vielen Orten keine selbstorganisierten Strukturen mehr vorhanden sind, wo neue Lesegruppen und bereits erfahrenere Leserinnen und Lesern zusammen kommen können.

Neben der Kanonisierung der Studieninhalte zu Modulen ist vor allem der gestiegene Zeitdruck im Format des Bachelorstudiums ein Hindernis. Studierende haben nur noch wenig Zeit und Ressourcen, sich in unabhängigen Seminaren kritische Theorien anzueignen, die über den offiziellen Lehrplan hinausgehen. Aufgrund der verkürzten Studienzeiten an einem Ort – nach 3, 4 Jahren wechselt man für den Master in eine andere Stadt – kommt es zu einer solch starken Fluktuation, dass es schwer wird, lokale Traditionen von Generation zu Generation weiterzugeben.

Als Reaktion auf diese Bedingungen haben wir bereits im Winter 2007 eine bundesweite Arbeitsgruppe gegründet, die ein Konzept zur Unterstützung und Vernetzung der Gruppen vor Ort entwickeln sollte. Unser Projekt will und kann kein Ersatz für Initiative vor Ort sein. Wir wollen aber dazu beitragen, dass diese Initiative überhaupt noch möglich ist, und herausfinden wie man unter den heutigen Studienbedingungen lokale Traditionen am Leben halten bzw. neu schaffen kann.

Der zweite Vorteil einer Vernetzung ist inhaltlich: es ist eine besondere Ressource, dass sich 31 Gruppen bundesweit mit der selben Textgrundlage beschäftigen. Über ein Internet-Forum und Konferenzen können sie darüber in eine gemeinsame Diskussion treten, was die marxsche Theorie für die Analyse, Kritik und Veränderung der heutigen Welt bereithält.

Gemeinsam lernen

Gerade weil es in vielen Gruppen keine erfahrenen Leser geben wird, haben wir einige der bekanntesten kritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gebeten, unser Projekt das gesamte Jahr über als „Tutoren“ zu begleiten.

Wir haben als zentrales Element auf unserer Homepage ein Fragen-Forum eingerichtet, welches von einer Redaktion betreut wird. Darin werden die Tutorinnen und Tutoren auf die Fragen aus den Lesekreisen antworten. Da das Projekt einen pluralen Ansatz hat und nicht bloß eine Interpretationslinie vertreten soll, fordern wir sogar dazu auf, unterschiedliche Antworten zu geben, die in einem solidarischen Diskurs auch durchaus konkurrieren können und sollen. Solch ein Forum (hoffen wir) hat verschiedene Vorteile. Einer davon ist, dass Gruppen ohne „Kapital“-erfahrene Leser eine zusätzliche Hilfe bekommen. Ein weiterer ist, dass die Gruppen nicht nur nebeneinander lernen, sondern auch miteinander. Sie werden einerseits sehen, dass andere Gruppe die selben Fragen haben. Andererseits wird es manchmal passieren, dass eine Gruppe ein Problem aufwirft, das andere gar nicht bemerkt haben.

Die Auswertungskonferenz

Ein dritter Vorteil des Forums ist, dass wir einen Überblick darüber bekommen, mit welchen Fragen sich die Gruppen tatsächlich beschäftigen. Und hier kommt auch unsere zweite Motivation zum Tragen, dies als bundesweites Projekt aufzubauen. Ausgehend von der gemeinsamen Textgrundlage, sowie der Fragen und Debatten auf der Homepage, möchten wir die Lesekreise zu einem Austausch zusammenbringen.

Auf halbem Weg bieten wir im März eine Mini-Konferenz an, die das erste Semester zusammenfasst und eine Vorbereitung für das zweite gibt. Am Ende des Jahres wollen wir dann alle Gruppen zu einer großen Auswertungskonferenz zusammenbringen.

Die Konferenz hat zwei Ziele. Zum einen sollen die Lesekreise gemeinsam mit unseren Tutorinnen und Tutoren, sowie internationalen Gästen auf den I. Band zurückzuschauen. Aufbauend auf diesen Kenntnissen macht es dann Sinn, eine Einführung zu geben in die Kontroversen der verschiedenen Theorietraditionen.

Zum anderen, halten wir es für wichtig, dass es auf der Konferenz auch Veranstaltungen gibt, bei denen ausschließlich Studierende und andere jüngere Teilnehmende miteinander diskutieren. Wir sehen darin einen möglichen ersten Schritt hin zu einer eigenständigen studentischen Theoriearbeit.

Um sich lange genug darauf einzustellen und alle Interessierten einbinden zu können, gründen wir bei der Mini-Konferenz im März unterschiediche AGs, die auf jeweils einen AuswertungsSchwerpunkt hinarbeiten. Mit dieser kollektiv-solidarischen Vorbereitung, hoffen wir, dass sich möglichst viele Teilnehmende vom passiven Leser zum aktiven Diskutanten entwickeln.

Keine falsche Ehrfurcht

Bei der Aneignung dieses Buches wollen wir also gemeinsam jede falsche Ehrfurcht ablegen. Mit unserer Kampagne wollen wir nicht nur Politologen und Philosophen ansprechen. Jede und Jeder kann die marxsche Theorie mit etwas Arbeitsaufwand und einigem Diskutieren beginnen zu verstehen. Es sind auch keinerlei Vorkenntnisse notwendig. Wir werden ganz von vorne beginnen.

„Das Kapital“ beinhaltet viele neue Begriffe vor allem in den ersten vier Kapiteln. Und viele Lesekreis geben hier auf. Wenn man diese aber gründlich gelesen hat, dann gewinnt man Zugang zu einem Text, bei dem der Autor immer auf seine Verständlichkeit geachtet hat. Trotzdem ist bei der Komplexität des Themas ein wenig Geduld erforderlich. Viele Phänomene, die wir aus unserem ökonomischen Alltag oder die die Entstehung von Krisen betreffen, kennen werden erst in den Band II und III behandelt. (Siehe dazu auch den Text von Michael Heinrich) Zum Ablegen falscher Ehrfurcht gehört es auch, dass man sich Fehler erlaubt. Man wird nicht sofort alles verstehen. Aber das geht allen so. Der bekannte Human-Geograph David Harvey hat seinen letzten „Kapital“Kurs als Video ins Internet gestellt. (www.davidharvey.org) Dort erzählt er in der Einführung, dass er er in den Wirren der späten 60er begann, das Kapital zu lesen und es beim ersten Mal „total falsch verstand“. Heute ist er einer der bekanntesten marxistischen Wissenschaftler und gibt seit 40 Jahren „Kapital „-Kurse. Es wäre schön, wenn wir mit unseren Lesekreisen ähnlich produktiv werden würden, ohne dabei am Anfang genau so zu scheitern.

Kapital Vol. 11 und III?

Wie wir mit diesem Projekt weitermachen, werden wir zum Ende der zwei Semester und auf der Auswertungskonferenz diskutieren. Wir wissen noch nicht, ob wir mit Band II und III weitermachen können und es gleichzeitig schaffen, eine neue Reihe von Lesekreisen zu Band I. zu starten, die von unseren Erfahrungen aus dem ersten Jahr profitieren kann.

Was wir wissen, ist, dass wir einem spannenden, erkenntnisreichen und sicherlich herausforderndem Jahr entgegensehen. Wir hoffen damit zu einer neuen „Kapital“Lesebewegung beizutragen, die – je nachdem, wie man es betrachtet – noch einmal von vorne anfangen kann und anfangen muss.

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